Intro

Suse Weber, aus Notizen Juni 2021 Die fröhliche Behauptung der “dritten Generation Ost”, keine Vorväter und Vormütter im Kunstkontext zu haben, mit der Begründung, dass weder ihre Werke noch deren Diskurse im Kunstbetrieb ihnen Schwierigkeiten bereiten könnten, stellt doch die Frage, wo diese Werke sich befinden, warum sie im öffentlichen Diskurs keine Stimme haben und in den Sammlungen und Depots schwer auffindbar zu machen sind. Die Fiktion und das Storytelling hat als Ersatzhandlung Einzug gehalten. Die Verwendung sozialistischer Devotionalien als geliehene und stark verkürzte Zitate und diverse Verweise auf eigene Familiengeschichten sind in die Bewegung gesprungen, befinden sich in einer fast schon Maschinerie andauernder Überschreibungen. Nach der Selbstnummerierung (1.,2.,3. Generation) und Selbstkarikaturisierung (Ossi, Ex-Ossi, Wossi)  folgen nun Unterscheidungen wie: Transfer-, Exil-, Quoten- und ATCK-Ostdeutsche (Yana Milev). Seit Jana Hensel und Naika Foroutan werden Gemeinsamkeiten Ostdeutscher und MigrantInnen besprochen; der Verlust der Heimat wird Untersuchungsgegenstand einer neuen Perspektive für strukturelle Verbesserung einer neuen Gleichheit. Als Problem mit der eigenen Identität behauptet, folgen neue Stereotypisierungen. In den Blick genommen werden Differenzhandlungen sozialer Interaktionen- als Resultat: die Bescheinigung einer Diversität. Darüber wird und wurde publiziert, gesungen, gespielt und getanzt. Auf kleinen Bühnen. Anna Voswinckel, Elske Rosenfeld und Bakri Bakhit kontaktierten mich Ende des Jahres 2020 und luden mich in ihre Arbeitsgruppe der nGbK ein (existierte bereits ein Jahr), an Fallstudien zur Nachwende teilzunehmen. Zunächst verwendeten wir viel Zeit darauf zu definieren, was Nachwende eigentlich ist, um welchen Zeitraum es sich hier handelt. Wir alle waren überrascht über das Ausmaß an Werken, Debatten und konkreten Aktionen, die für sich den Begriff der Nachwende deklarierten. Aufgrund meiner eigenen künstlerischen Praxis interessierten mich künstlerische Methoden, die vielleicht aus einer Ost-Erfahrung resultieren könnten. Zugleich graute es mir vor der Vorstellung, eigene Arbeiten zurückzuführen auf den nur einen Aspekt: Ost. Wie damit umgehen? Erste Entscheidung: keine eigenen Originalwerke zeigen. Damit auch verhindern, dass eigene Arbeiten in den Kanon der Devotionalienkunst Ost Eingang finden. Zweite Entscheidung: Die eigenen Arbeiten als Digitalisate aufbereiten und neuen Überschreibungen durch und mit anderen KünstlerInnen Raum schaffen – als begehbaren, sich in gleicher Ausgangssituation befindenden Diskurs (artists behaviour/ artists conditions).

NACHWENDE-KLAPPE: Entwicklung einer Ausstellungsszenografie als Emblematische Skulptur Ich erinnerte mich an eine Debatte in den 90ern über ein grundsätzliches Unterscheidungsmerkmal ost- und westeuropäischer Kunst. Darin wurde behauptet, dass die ost-europäische Kunst in der Black Box als eher performatives Format verortet sei, die westeuropäische dagegen im White Cube. Selbst gerade im Green Screen-Studio arbeitend, fasziniert von der Auswechselbarkeit von Figuren und Hintergründen, schossen mir Erinnerungen an Rollenzuschreibungen in den Kopf, auch das Löschen / Auswechseln von Personalien; merkwürdige Szenenwechsel – sowohl medial als auch real. Der Leerstand der 90er Jahre für die “Neu-Eroberer” auch Neu-Möglichkeiten, für die “Ex-Gelähmten” ein Ruinenbad. (aus eigenen Notizen, ca. 1996, (*2)). Die Depots als dauerhafte Gruft für Ex-Ikonen, Ex-Figuren, Ex-Geschichten, Ex-Gestaltung und: Stationen für noch nicht wissen wie umgehen damit.  Die Eingangslogistik der nGbK, durch Hausbesitzerwechsel ins Absurde verschoben (neuer Leerstand!), und die eigene Institutionsgeschichte gekoppelt an eine West-Ost-Story bildet den Eintritt für aufeinanderfolgende Bereiche (auf White Cube-nGbK_KLAPPE folgt Black Box_KLAPPE, folgt Green-Screen_KLAPPE, folgt Stasisauna_KLAPPE (Namensgebung: Elke Rosenfeld), folgt Leerstand_KLAPPE, folgt Depot_KLAPPE. Durch zunächst aufklappbare Stellwände separiert gibt es hier die Möglichkeit, die Trennungen aufzuheben und neue Verbindungen zu initiieren. Die aufklappbaren Stellwände (Holzunterkonstruktionen, diese selbst schon Zeichen) werden durch plakatierte Digitalisate (Werkarchiv/Selbstarchivierung Suse Weber) bereits hier schon überschrieben und bieten sich als Plakatmembrane weiteren Überschreibungen (u.a. als permanente Überklebungen) an. Arbeiten eingeladener KünstlerInnen wandern während der Ausstellung aus dem Depot, begleitet von weiteren Fallstudien und zusätzlichen Begleitdokumenten des Rechercheprozesses. Eine weitere Besonderheit dieser Ausstellung wird sein, dass hier (und da bewegen wir uns schon in die Methodenlandschaft der “späten DDR” ) Atelier und Ausstellungsraum nicht mehr zu trennen sein werden: Elske Rosenfeld & Wolfgang H Scholz in der Stasisauna und Sabine Reinfeld als Miss GDR werden den Ort jeweils für eine Woche sichtbar für ihre Produktionen nutzen. Innerhalb des Rechercheprozesses stellte sich heraus, dass ein Bildwerkzeug, das sowohl für kooperative Bildstrategien (z.Bsp. für Öffentlichkeitsarbeit) als auch für die interne Ideenvermittlung und zukünftige Dokumentation einer ausstellungsvorbereitenden Szenografie notwendig wurden. So finden Materialkonzept, Entwurfs- und Konstruktionszeichnungen der Nachwende-Klappe Eingang in ein ausstellungsbegleitendes Poster und Saalblatt (Design Jasper Eisenecker). Ein Herleitungs-Clip der verwendeten Bildvokabeln der Nachwende-Klappe aus meinem Werkarchiv gibt weitere Einblicke in meine Entscheidungen.

Ich bin ein Kind der “Zweiten Öffentlichkeit” (*1) UND des Ankerzentrums B. …Pause 

(*1) siehe: Angelika Richter: “Das Gesetz der Szene, Genderkritik, Performance Art und zweite Öffentlichkeit in der späten DDR”, transcript Verlag 2019, Bielefeld

(*2) Berlin, ca. 1996, aus Notizen: “muss mal gesungen werden, nur nicht von mir” Neu-Eroberer zucken gemeinsam mit Ex-Gelähmten im Stotterlicht  auf den Tanzflächen der Ismus-Ruinen der Bankfilialen und Ministerien eine Welt – eine Zukunft… zuck, zuck Zeit schinden verlieren und verzögern für den Einen: Ausdehnung einer Entscheidungsfindung für den Anderen: Verlängerung einer getroffenen Entscheidung nur weg von der Fluchtursache!…zuck, zuck weg aus den Nationalprovinzen ins Ankerzentrum B. ins zukunftsversprechende Ruinenbad der Möglichkeiten nun mit Vorahnungen auf den noch geduldeten Spielplätzen Zeit schinden Zeit schinden Zeit schinden folgt nachreisender Transfer tradiert-brutalem Know-hows  das Wieder-Holen formiert sich