SZENE 1

Dynamische Schablone

SZENE 1: Perception of an catalyst: Model of Spirala-Theater

Nationalgalerie (Veletržní palác), Prag 2016

mit Jirka Havlicek (Kurator und Filmemacher), Hana Tureckova (Tänzerin und Choreografin), Toma Shruza (Fotograf und Musiker), Filip Polansky (Galerist), Adam Budak (Kurator), Jindřich Smetana (Architekt), einer Pressesprecherin der Firma Rozvojové projekty Praha
Nationalgalerie (Veletržní palác), Prag 2016

Scenery 1: Perception of an catalyst: Model of Spirala-Theater Performance-Protokoll (Auszug)

Jirka Havlicek: Wir fangen gleich an, weil die Zeit drückt und Herr Smetana leider um 5 Uhr weg muss. Ich möchte Sie alle im Namen von SW willkommen heißen. Diese Diskussion ist eine Art Auftakt zur Ausstellungseröffnung, die in einer halben Stunde in Polansky Gallery beginnt  und wo auf diese Szene 1 die Szene 2 folgt – eine Performance. Die Ausstellung von Suse Weber heißt „Template//Activation: Dynamische Schablone Prag“ und den ersten Impuls gab ihr dieses Modell, an dem wir jetzt stehen. SW befand sich hier 2014 als eine zufällige Besucherin, das Modell fesselte sie und so entstand das Projekt, dessen erster Output in der Polansky Gallery gezeigt wird. I will first read your text.
SW: (laut lesen)
Nationalgalerie Prag
Oktober 2014
SW betritt das Gebäude
(fast gesungen)
Malerei, Skulptur, Objekt
Mmmmalerei, Sssskulptur, Ooooooobjekt
(langsam gesprochen)
im Rahmen, auf dem Sockel, in der Vitrine
viel Glas
Farben
Wände, Gänge, Treppen
(Stimme anschwellend)
Stufe, Stufe, Stufe, Stufe, Stufe
Drehen nach rechts
(Pause)
Stufe, Stufe, Stufe, Stufe, Stufe
Drehen nach links
Raumseiten
1.ETAGE, 2.Etage, 3.Etage
(lange Pause:-Vortragender: Arm nach oben und verharrt)
Schwarz
Rund
Massiv
(Vortragender: Arm wieder unten)
Loch
Bohrung
(Ausruf)
Unendlich!
Das Negativ einer Architektur!
Massivzylinder mit Innenrampe
(Stimme nach oben)
Rampe führt ?
(Ausruf)
Das Prinzip der anfangslosen Gegenwart!
(Ausruf)
Der Innenraum als Tatsachenraum!
(Ausruf)
Die Aufhebung der Trennung von Bühnenraum und
Zuschauerraum!
(Ausruf)
Publikum und Darsteller radikal relativiert und gegeneinander
ausgespielt!
(Ausruf)
Die Geburt der Kippfigur!
(Wiederholung)
Die Geburt der Kippfigur!
Jirka Havlicek: Das war also der erste Text, der die Begegnung von Suse Weber und dem Modell beschrieben hat. Jetzt möchte ich Herrn Smetana, den Architekten des Spirala-Theaters, bitten, dass er uns von dem Anfang erzählt, vom Anfang…
Jindřich Smetana: Wissen Sie, die ganze Idee ist für die Neunzigerjahre kennzeichnend. Ich arbeitete bis dahin beim Nationaltheater. Ich leitete bei der Laterna Magica die Abteilung für die Gestaltung neuer Programme, eigentlich befassten wir uns damit, wie aus dieser Zwangsjacke, die damals die Laterna anhatte, wegzukommen wäre. Eigentlich, und es ist banal, begann die Laterna als Kino, in dem Theater gespielt wurde. Das heißt, dass auf einer Seite die Zuschauer, auf der anderen die Leinwand war. Und eben das schöpfte sie aus, sie schlachtete sich aus. Wenn wir in der Laterna ein bisschen weiter voranschreiten wollten, wollten wir auch mit dem Raum operieren und an das Verhältnis des Zuschauers zur Botschaft ganz anders herantreten. Ich hatte eine längere Zeit schon die vertikale Projektion im Kopf. Dazwischen, noch zu all den Gründerprojekten hier in der Umgebung, kam die Vorbereitung der großen Jubiläumsausstellung im Jahr 91 auf dem Messegelände in Prag. Es trafen mehrere glückliche Zufälle zusammen. Genau, wie die Laterna ausgeschöpft war, war auch das damalige Panoramakino ausgeschöpft, für das dieses Objekt aufgestellt wurde – das war ein Zylinder mit einer hübschen Kuppel von Ferdinand Lederer, da wurden normal Filme gezeigt – das war ein russisches System, wo alle Seiten mit einer Leinwand bedeckt werden und wo eine russische Troika oder weiß der Herr was rumläuft, eigentlich ist es aber eine Kirmesattraktion, also gehörte sie auf die Prager Matthäus-Kirmes. Als angeboten wurde, dass dieser Zylinder eine Metamorphose oder gar eine Veränderung durchmachen könnte, verliefen mehrere Etappen dieses Projektes. Zuerst wurde (ich sehe hier Karel Scheib) der Zylinder des Panoramakinos umgebaut und schon damals kamen Balkone und diese Sachen dazu, wo von oben projiziert wird und sich im Zentrum etwas abspielt. Anschließend, da ich die Lotech, das heißt die Architekten Kulík, Louda, Stýblová (die haben hier auch dieses Modell) kennenlernte, die diese Maschinenbaudetails hatten, ging das alles eine Ebene weiter. Jetzt beschreibe ich nur das, was Sie hier sehen. Wir wollten bei dem Umbau des Zylinders nicht die nasse Variante gehen, wir wollten in den Zylinder ein gemeinsames Sessel für 850 Leute hinbauen. Das sehen Sie hier. Wenn drum herum diese Wand wäre, wäre es dieses Panoramakino. Hier sehen Sie Brücken, das sind Abstandhalter, die führten zur Wand, in der Wand gab es Löcher, außerhalb der Wand dann Fluchttreppen, die führten dann aber in die andere Richtung als diese Spirale. Wenn wir es hier so abwickeln würden, wäre die Länge 3,5 Mal größer. Das hier sind eigentlich Galerien, aber da sie eingewickelt sind und da man von außen durch diese vier Spiralen kommt, die von unten losgehen, bilden die Galerien eine sphärische Kontur, sie werden eingeschrieben, umgeschrieben in eine Kugel. Das ist wichtig, in dem Brennpunkt – wir wissen ja, dass sich der Brennpunkt einer Kugel in der Hälfte ihres Halbmessers befindet – da spielt es sich ab, der Raum erzwingt es. Das ist das klare Epizentrum einer Botschaft. Darüber, über Lederers Kuppel, gibt es die Projektionskabine, damals noch eine typische Laterna-Kabine, wo vom 35-mm-Film projiziert wurde… Wir bestellten den stärksten Projektor, den es damals gab, er war aus Amerika, er war ein Ballantyne. Wir setzten ihn auf die Drehplatte, drehten ihn vertikal. Hier verlief der vertikale Strahl, mit ihm arbeiteten wir dann unterschiedlich, ergänzten ihn durch weitere Strahlen, die sekundär waren, dafür gab es etwas schwächere Projektoren. Dieser 7 kW-Projektor ist in Europa bis heute ungewöhnlich, weil so eine amerikanische Kiste… Bis dahin gab es in der Laterna nur 4 kW und 2,5 kW-Kisten, deswegen. Wichtig ist dabei, dass sie ungefähr 16 Meter Durchmesser hat. Bis in die Mitte sind es also 8 Meter. Das heißt, dass alle praktisch den gleichen Blick haben, den gleichen Abstand zum Schauspieler. Diese 8 Meter bedeuten, dass man all die Mimik und alles aus der idealen Reihe sieht und alle sehen es sozusagen gerade. Diese Geradheit ist schrecklich wichtig. Gleichzeitig damit, dass dadurch der Kegelmantel gebildet wird, war es, als ob man die kleinen Finger verbinden würde. Es schuf eine suggestive, beinahe okkulte Stimmung, als ob sich da wirklich in der Mitte etwas abspielen würde. Als ob da in der Mitte Feuer brennen würde, wir würden damit durch einen atavistischen Schub in die Prähistorie zurückgeschickt, wir säßen um das Feuer herum – und so spielt die Mystik mit… Einige Aufführungen kamen damit weit, sie pressten und schlugen diese Funken wirklich stark heraus, zum Teil kam es schon bei der ersten Aufführung, das war ja Faust. Das Spirala-Theater wurde dafür 94´ mit dem Grand Prix von einer internationalen Jury ausgezeichnet, den schätze ich sehr hoch und denke, dass es eine riesige Ehre war. Da wurden die ganzen 20 Meter Höhe genutzt, wo sich 16 Leute nach oben und unten im Raum bewegten, weil sie auf unsichtbaren Netzen gingen, die nach oben und unten geschoben wurden, die Schauspieler kamen durch verschiedene Löcher von einem Sieb auf ein anderes und das Erlebnis war phantastisch, wo die so im Raum levitierten… Es wurden hier verschiedene Sorten von diesem Projektionsstrahl ausprobiert. Neben dem dummen, ganz trivialen Strahl, wo man auf eine ganz reflexive Fläche projiziert und diese spiegelt sich dann auf die Kuppel über ihr – so bekamen wir das Bild sowohl oben als auch unten wie in der Sixtinischen Kapelle – neben diesem tauschten wir im Projektor so eine dünne Glasscheibe, also den Transfokator, und der Strahl wurde durch einen astronomischen Spiegel, durch eine Linse, ähm pardon, die war ja konkav, eine Konvexlinse, der Strahl wurde frei in den Raum verbreitet. Wichtig waren dabei die Fragmente des Bildes… – ein Schauspieler breitete zum Beispiel seinen großen Mantel aus, der von außen schwarz, unten dann weiß war und fing dann die Projektion auf den Mantel auf, riss sie ab, hinter ihm war dann ein Projektionsloch. Er spielte so mit dem Motiv und eignete sich das Motiv so an. Das waren phantastische Experimente. Andererseits war das nur die klassische, dramatische Ebene. Das war die erste Musical-Arena in Prag, wohin das Musical, die Lizenz für Jesus Christ gebracht wurde und ich muss sagen, dass es eine sehr gelungene Inszenierung war. Auch die Autoren, als sie kamen, verstanden, dass die Lizenz völlig authentisch, gerecht war. Meiner Meinung nach war es eine der besten Aufführungen, die es hier überhaupt gab, hier gab es eine riesige metaphysische Kraft. Das war jetzt dazu, worum es bei dem Sessel für 850 Zuschauer geht. Heute würden wir weitere verschiedenen Sachen dazu nehmen, die vielleicht auch die Akustik bewältigen könnten, die in solchem Kreisraum unglaublich kompliziert ist, weil es da zu diesen Stehwellen kommt… Zum Beispiel die begehbaren Oberflächen – das war so eine Randale wie auf einer Rennbahn. Das wäre also zur Architektur. Ich muss aber sagen, dass das wertvollste Erlebnis für mich diese Gemeinschaft der Leute war, unter denen sich was abspielt…
Dann kam das Hochwasser und alles wurde bis zu zwei Meter-Höhe überschwemmt, bis in den Untergeschoss. Ich befürchte, dass das Wasser im Untergeschoss bis heute ist. Und auch tote Karpfen… Der letzte Tropfen kam dann von der Firma Incheba, dass es hier nicht wiederbeleben wollte… Sie ließ es hier alles untergehen und schürte das Feuer dieser ganzen Situation noch an…  Meine Kollegen behaupten, dass da nachts Raubzüge mit einem Brennschneider stattfinden, es werden ganze Stücke von der Stahlkonstruktion abgeschnitten und wegtransportiert so, wie Speckscheiben abgeschnitten werden… So eine einmalige Sache wird jetzt ganz verwüstet. Bis heute verstehe ich nicht, wie es in den Neunzigerjahren möglich war, das alles mit Hilfe von Privatfirmen aufzubauen. Ich höre jetzt auf, falls Sie fragen haben, fragen sie lieber, weil ich sonst immer weiter erzählen würde…
Jirka Havlicek: Ich bedanke mich jetzt bei Herrn Smetana und lese den zweiten Teil des Textes von SW vor, der die Begegnung mit dem heutigen Zustand des Spirala-Theaters vor einem halben Jahr reflektiert.
SW: Ortsbegehung des Spirala Theaters mit dem Programm-Manager Herrn H.
Frühling 2015
Szene Aussen:
auf grünem Erdhügel
Betonzylinder
tiefschwarz
massiv
STAHLGEFLECHTMANTEL
Haupteingang unklar
Rampe
in die Eingeweide
oder
Stahltür
in die Hüfte
Empfangen
von Gruppe
Männer ohne Haare
mit Runenshirts
Uneinigkeit über Schlüsselhoheit
Herr H. betritt die Szene.
Szene Innen
Herr H. führt ins Innere.
eisige Kälte
Dunkelheit
Baustrahlerfunzel
Rampe ohne Geländer
Sitzreihe lückenhaft
Herr H. spricht.
vom
beauftragten Raub
Geländer und Bestuhlung
Verbleib der Innereien unbekannt
(Mafia)
Restkulisse in Kurve
Balkon
wie
abgehalfterte Barockprinzessen
Herr H. entwirft:
Umbau in Traditionsbühne
durch
Demontage der Spiralarchitektur
somit
Ende
eines experimentellen Theaters
Ende
zeitgenössischer Bühnenproduktion
mit
und
im
Spirala Theater
Jirka Havlicek: Ich möchte jetzt Frau Jarošová, die die Entwicklungsprojekte Prag – Rozvojové projekty Praha vertritt, bitten, ob sie für uns die jetzige Situation kommentieren könnte – in welchem Zustand befindet sich das Spirala-Theater, dass sich hier um die Ecke auf dem Messegelände im Stadtbezirk Holešovice befindet?
Pressesprecherin der Firma Rozvojové projekty: Den jetzigen Zustand hat schon SW perfekt in ihrem Text beschrieben. Rozvojové projekty Praha haben die ganze Anlage zum 1. 1. 2015 übernommen. Wir haben nach und nach den Zustand einzelner Objekte überprüft, egal ob es sich um das Spirala-Theater  oder weitere Objekte auf dem Messegelände handelte, und wir bemühen uns, sie Schritt für Schritt in Zusammenarbeit mit dem Prager Magistrat zu retten, zu renovieren und zu reparieren, wie es nur geht. Das ist alles, was ich dazu sagen kann.
Redner (unbekannt): Gibt es einen konkreten Rettungsplan?
Pressesprecherin der Firma Rozvojové projekty: Das Spirala-Theater befindet sich zur Zeit in keinem aktuellen Plan, es wird jedenfalls nicht abgerissen und das letzte Mal wurde es im Rahmen des Festivals Designblog geöffnet, Herr H. hat dabei Führungen gemacht und die Besucher konnten ungefähr in den ersten Stock aufsteigen.